Das Kind Europas
Als Kaspar Hauser Ende 1831 von Nürnberg nach Ansbach übersiedelte, trug er bereits den Beinamen „Das Kind Europas“. Dieser Begriff verweist auf ein vielschichtiges Spannungsfeld: Einerseits steht er für Unschuld, Wahrhaftigkeit und eine archetypische Kindlichkeit – obwohl Kaspar Hauser an Jahren längst kein Kind mehr war. Er wurde empfunden als „elternlos und aller Kind zugleich“. Andererseits nahm „ganz“ Europa Anteil an seinem außergewöhnlichen Wesen und Schicksal. Er wurde zum Sinnbild des Heimatlosen und zugleich zu einer Projektionsfläche für einen Kontinent im Umbruch – auf der Suche nach neuen humanistischen, demokratischen und freiheitlichen Werten.
Und auch die griechische Mythologie schenkt uns einen interessanten Zugang zu dem Begriff, denn da finden wir ja die phönizische Prinzessin „Europa“, die entführt wird von der Wesenheit namens „Zeus“. Deren Kinder aber sind, jedes für sich betrachtet, ein „Kind Europas“.
Es ist die Geburtsstunde der abendländischen Kultur!
